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30.1.26

Stiftsbibliothek St. Gallen

Wunderkammer Stiftsbibliothek

Schönes und Kurioses gestern und heute

(bibsg) Die Stiftsbibliothek St.Gallen besitzt neben ihrer bedeutenden Handschriftensammlung auch eine Sammlung von Raritäten. Es handelt sich um die Reste einer Wunderkammer, die auf die Klosterzeit zurückgeht und in der allerhand Schönes und Sonderbares aufbewahrt wurde, das zum Staunen Anlass geben sollte. In Ihrer Winterausstellung zeichnet die Stiftsbibliothek die Geschichte ihrer Wunderkammer nach.

Die Handschriftenkammer der Stiftsbibliothek um 1900Pokal mit einem echten StraßeneiBäumchen unter Verwendung bunter FedernDie Handschriftenkammer der Stiftsbibliothek um 1900

Straußeneipokal

Asiatische Federbäumchen

Alle Bilder © Stiftsbibliothek St. Gallen.

Bilderläuterungen siehe unten

Aufschwung der Neugier
Die Wunderkammern entstanden seit dem 16. Jahrhundert an Fürstenhöfen oder in Städ- ten, als infolge der Entdeckungen zahlreiche fremdartige Dinge aus neuen Welten nach Eu- ropa gelangten. Die Wunderkammern sind ein aufschlussreicher Ausdruck eines veränder- ten Verhältnisses zur Welt und eines grossen Aufschwungs der Neugier. Oft waren sie mit einer Bibliothek verbunden, mit der sie die Passion für das Sammeln teilten.

Vielfalt der Schöpfung und des Geschaffenen
In diesen Sammlungen sollte die Vielfalt der Realität sichtbar, greifbar und erklärbar gemacht werden, sowohl in der Schöpfung als auch in den von Menschen geschaffenen Dingen. Diese Vielfalt wurde nach Disziplinen geordnet, etwa in Naturalia (Natürliches), Artificialia (Künstliches), Exotica (Exotisches), Scientifica (Wissenschaftliches), Mirabilia (Wunderbares). Die Grösse der Welt wurde somit im Kleinen der Wunderkammer abgebildet. In einer Installation in den Büchergestellen werden Beispiele für die genannten Kategorien vor Augen geführt, die in der Sammlung erhalten sind. In Berichten von Reisenden des 18. Jahrhunderts ins Kloster St.Gallen wurden die Wunderkammerobjekte immer wieder besonders erwähnt. Sie verfehlten also ihre Wirkung nicht.

Von der Wunderkammer zum modernen Museum
Die Kunst- und Wunderkammern gelten als Vorläufer der modernen Museen, die seit dem 18. Jahrhundert an ihre Stelle traten, sich aber auf eine breitere Öffentlichkeit ausrichteten. Im Zug dieser Entwicklung wurden viele Wunderkammern reorganisiert und ihre Raritäten als Grundbestand in die neuen Museen eingebracht. Das geschah in St.Gallen nicht anders. Teile der klösterlichen Wunderkammer gingen verloren oder wurden als Anschauungsmaterial an die Katholische Kantonssekundarschule abgegeben.

Die Münzsammlung als barocke Zeitkapsel
Der am besten erhaltene Teil der einstigen Wunderkammer der Stiftsbibliothek ist die bis- her wenig beachtete Münz- und Medaillensammlung. Sie befindet sich in einem im 18. Jahrhundert eigens dafür angefertigten Schrank in der Handschriftenkammer, der mit «Numophylacium» angeschrieben ist. Weil der Bestand mit etwa 3000 Münzen wie eine Zeitkapsel fast unverändert mit dem originalen Mobiliar und gelehrten Katalogen aus dem 18. Jahrhundert erhalten ist, ist er heute von grosser wissenschaftsgeschichtlicher Relevanz. Sein Inhalt und seine Geschichte sollen in den nächsten Jahren aufgearbeitet werden.

Musealer Umgang heute
Neben der Präsentation der Reste der Wunderkammer zeigt die Ausstellung, wie die Mu- seen heute mit ihren speziellen Beständen umgehen. Beispielsweise spielt heute die Frage, woher ein Objekt kommt und ob der heutige Aufbewahrungsort in Ordnung ist, eine wichtige Rolle, dem auch die Stiftsbibliothek in einem internen Bericht nachgegangen ist. In der wissenschaftlichen Praxis gab es in den letzten Jahren wichtige Neuerungen, insbesondere die Untersuchung von DNA-Spuren von Pergamentblättern oder neue fotografische Verfahren. Auch die Erhaltung der Objekte wird heute sorgfältiger gehandhabt. Und schliesslich werden wertvolle Kulturgüter zunehmend staatlich geschützt – im Fall der Stiftsbibliothek durch den Katholischen Konfessionsteil oder durch den Kanton St.Gallen.

Reich bebilderter Ausstellungskatalog
Begleitend erscheint ein reich bebilderter Katalog, der die Struktur der Ausstellung aufnimmt. Im ersten, von vorne zu lesenden Teil steht der heutige museale Zugang im Fokus, und im zweiten, von hinten zu lesenden der barocke Bestand der Wunderkammer. Cornel Dora und Ulrike Ganz haben die jeweiligen Einleitungen geschrieben, und zusammen mit Eva Dietrich, Silvio Frigg, Philipp Lenz, Ruth Wiederkehr und Benedikt Zäch verschiedene Kapitel beigesteuert.

Die Bilder:

Die Handschriftenkammer der Stiftsbibliothek um 1900
Die Handschriftenkammer der Stiftsbibliothek um 1900, mit Gemälden und Objekten aus der Wunderkammer.
Stiftsbibliothek St.Gallen, Fotosammlung, Historische Aufnahmen Barocksaal.

Asiatische Federbäumchen
Wahrscheinlich wurden diese Federbäumchen aus der sogenannten «ostindischen Sammlung» von Georg Franz Müller (1646–1723) als passend für eine Wunderkammer angesehen, weil sie an andere Kuriositäten wie die Korallenbäumchen erinnerten.
Stiftsbibliothek St.Gallen, Inv. Nr. 479.

Strausseneipokal
Der Strausseneipokal war Repräsentationsobjekt, Tafelaufsatz und Kunstkammerstück zugleich. Obendrein sollte er vor Vergiftung schützen, da man glaubte, der Strauss könne Eisen fressen. Deshalb hält der dargestellte Vogel Strauss ein Hufeisen im Schnabel.
Stiftsbibliothek St.Gallen, Inv. Nr. 478.

Wunderkammer Stiftsbibliothek – Schönes und Kurioses gestern und heute
Sommerausstellung, 25. November 2025 bis 19. April 2026, täglich 10–17 Uhr
Stiftsbibliothek St. Gallen, Barocksaal

Reichhaltiges Veranstaltungsprogramm Das reichhaltige Veranstaltungsprogramm der Stiftsbibliothek umfasst Konzerte, Vorträge, Führungen, Handschriftenpräsentationen sowie Kinder- und Familienangebote. Mehr dazu im Veranstaltungsprogramm.  

    im Detail:  
Icon obenPexels, Ksenia Chernaya   siehe auch:  
     

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